Das Bild Zeitung lesender Frauen in der Kunstgeschichte.

Ein historischer Blick auf die künstlerischen Konsequenzen eines Geschlechterstereotyps

Von Stefan Matysiak

In der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts wurden fast nur Zeitung lesende Männer auf Leinwand gebannt, so gut wie nie jedoch Frauen. Die Studie Nr. 3 der Beiträge zur Zeitung in der Kunst des Göttinger Instituts für Presseforschung zeigt zunächst, dass Zeitung lesende Frauen sehr weitgehend aus der künstlerischen Produktion ausgeblendet wurden. Zeitungen waren zunächst ein rein männlicher Lesestoff.

Dieser männlichen Konnotation des Zeitunglesens lagen gesellschaftlichen Mechanismen zugrunde, die auf das sich im 19. Jahrhundert etablierende bürgerliche Familienbild zurückgingen. Dazu gehörte, dass der Aktionsrahmen von Frauen auf den Familienhaushalt begrenzt wurde. Der Konsum von Zeitungen war - wie überhaupt die Beschäftigung mit politischen Angelegenheiten - eine allein Männern vorbehaltene Aktivität.

Dieser Geschlechtergegensatz brach zwar mit den 1848er Revolutionen auf, ersumpfblühte jedoch nach deren Scheitern deutlich stärker als je zuvor. Deutsche Staaten verhängten nun gegen Frauen nicht nur ein offizielles, gesetzliches Politikverbot, sondern in der Kunstgeschichte tauchten nun auch Bilder auf, die Zeitungsleserinnen explizit misogyn abwerteten. Philosophen bezeichneten Frauen als Haustiere und Triebtäterinnen, die aus angeblich biologischen Gründen nicht für Zeitungen geeignet seien. Diese Verschärfung war eine Abwehrreaktion auf die im 19. entstehende Frauenbewegung. 

Das dichotome Geschlechterbild änderte sich ein wenig im Verlaufe des Ersten Weltkriegs, als die Hausväter zum Kämpfen an die Front geschickt wurden. Da die abwesenden Männer ihre Rolle als Familienvormund nicht mehr übernehmen konnten, trat Vater Staat an deren Stelle. Nun entstanden Bilder, die Frauen ausdrücklich zum Zeitunglesen animierten, um sie der staatlichen Propaganda aussetzen zu können.

Erst die Etablierung der Weimarer Republik 1918/19 verbesserte die Lage der Frauen. Sie erhielten nun politische Mitbestimmung und das Wahlrecht gewährt. Mit der revolutionären Veränderung ging zudem das Entstehen der sog. Neuen Frau einher, die selbstverständlich Zeitung las. In diesem Zuge entdeckte auch die Malerei das weibliche Zeitunglesen.

 Hier findet sich der ausführliche Beitrag aus ZeiKunst 3 (2025) 

28.9.2025

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Abbildung: Hans Hassenteufel, Die Morgenzeitung (1929). Foto: Ketterer Kunst, München.

(c) Stefan Matysiak